Warum Arbeit heute mehr leisten muss als früher – und warum uns das belastet

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Sascha Sprikut
Fantasy Autorin
Warum Arbeit heute mehr leisten muss als früher – und warum uns das belastet Sinn der Arbeit Erwartungen an Arbeit Arbeit und Leidenschaft Job und Erfüllung

Warum Arbeit heute mehr leisten muss als früher, ist eine spannende Frage, mit der ich mich in diesem Essay genauer auseinandersetze.

Ich stamme aus einer Einwandererfamilie. Für meine Eltern war Arbeit ein Mittel zum Zweck – eine Notwendigkeit, um in einem fremden Land überleben zu können. Ähnlich sahen es die Menschen viele Jahrhunderte zuvor: Wenn ich an die Bauern im Mittelalter oder an die Industriearbeiter im 19. Jahrhundert denke, dann ist „Spaß“ sicherlich nicht das erste Wort, das mir in den Sinn kommt. Jahrhundertelang diente Arbeit einzig der Existenzsicherung.

Heutzutage ist es in vielen Teilen der Welt und in vielen Berufen anders. Besonders an Universitäten und in sozialen Medien begegnen mir Begriffe wie „Purpose“, „Passion“ oder „Love what you do“. Diese Konzepte setzen mich unter Druck: Ich habe das Gefühl, dass Arbeit nicht nur ein Broterwerb sein sollte, sondern mich auch erfüllen muss. Und wenn sie das nicht tut, fühle ich mich, als hätte ich etwas falsch gemacht. Doch warum ist das so? Warum empfinden wir es heute als Problem, wenn Arbeit uns keinen Spaß macht?

Mein persönlicher Eindruck ist, dass wir als Gesellschaft schlechter damit zurechtkommen, wenn Arbeit nur eine Notwendigkeit ist. Das zeigt sich besonders im Vorstellungsgespräch, wenn die Frage kommt: „Warum dieser Job?“ – und „Geld verdienen“ keine akzeptable Antwort ist.

Aus meiner bisherigen Erfahrung erkenne ich drei Ursachen für dieses Phänomen:

  1. Sozialer Vergleich und Idealisierung von Arbeit
  2. Fehlender Sinn der Arbeit
  3. Der Mangel an Ausgleich 

1) Sozialer Vergleich und Idealisierung von Arbeit

Noch nie war es so einfach wie heute, sich mit anderen Menschen zu messen. Der Mensch des 21. Jahrhunderts hat mehr Kontakte als ein König im Mittelalter. Durch die sozialen Medien, das Internet und das Fernsehen erhalten wir einen Einblick in das Leben von Menschen weltweit. Natürlich ist es kein reales Bild, es ist ein aufbereitetes Image, das Leute sorgfältig in ihren Wohnzimmern kurieren und für andere aufbereiten. Trotzdem ändert es nichts daran, dass Menschen heutzutage eine ganz andere Basis für soziale Vergleiche haben. Früher verglichen wir uns mit unserem Dorf, heute mit Elon Musk.

Auf Plattformen wie LinkedIn ist es normal, von der Arbeit zu schwärmen und sie zu idealisieren. Wer einfach nur seinen Job macht, ohne die Millionen zu verdienen, kann sich schnell unzulänglich fühlen. Das heißt nicht, dass man seinen Beruf nicht verändern kann. Selbstverständlich können solche Beiträge als Inspiration dienen, eine neue Richtung in der Karriere zu schlagen. Problematisch wird es, wenn Menschen dadurch Druck empfinden.

2) Fehlender Sinn der Arbeit

Bis zum 19. Jahrhundert arbeiteten die meisten Menschen in der Landwirtschaft und im handwerklichen Sektor. Ich möchte dieses Leben nicht verherrlichen. Bauern waren arm, lebten in ständiger Angst vor Seuchen, Missernten und Hungersnöten, aber dafür hatte ihre Arbeit einen unmittelbaren Nutzen: Ein Bauer sah seine Ernte, ein Handwerker sein fertiges Produkt.

Heutzutage arbeiten zwei Drittel aller Beschäftigen im Dienstleistungssektor. Die Ergebnisse der „modernen“ Arbeit existieren oft nur in Zahlen, Tabellen oder digitalen Produkten, was das Gefühl von Sinnhaftigkeit erschweren kann. Das geht so weit, dass in vielen Berufen Menschen nicht in der Lage sind, ihre Aufgaben zu beschreiben.

Dazu kommt, dass unser Einkommen zwar gestiegen ist, aber zentrale Lebensbereiche wie Wohnen, Bildung und Gesundheitsversorgung teurer geworden sind. Smartphones, Fast Fashion und elektrische Geräte werden günstiger, essenzielle Aspekte teurer. Frühere Generationen konnten von einem Einkommen eine Familie ernähren und ein Haus kaufen. Das ist für viele heute unerreichbar. Das verstärkt die Unzufriedenheit mit der Arbeit, weil sie sich weder emotional noch finanziell lohnenswert anfühlt.

3) Der Mangel an Ausgleich

In den Nachrichten spricht man von einer Epidemie der Einsamkeit. Viele junge Menschen haben keinen Partner an ihrer Seite. Sie wohnen in kleinen Wohnungen in der Großstadt, ihre Freunde aus der Schule und dem Studium wohnen an anderen Orten. Die Eltern befinden sich mehrere Autostunden entfernt.

Der Mensch von früher hatte ein unglaubliches soziales Netz. Arbeit war früher nicht nur Erwerbstätigkeit, sondern oft auch sozialer Anker. Man arbeitete mit Familie, Freunden oder in Gemeinschaften, die einen Halt gaben. Der Mensch war Teil einer Großfamilie, hatte eine Gemeinschaft in der Religion und in Vereinen.

Spätestens während der Pandemie wurde deutlich, wie sehr Vereine heutzutage schrumpfen. Nachbarschaften, wie es sie früher gab, existieren kaum noch. Menschliche Interaktionen in Geschäften werden durch Apps reduziert. Es ist leichter, einen schwierigen Beruf zu ertragen, wenn man Ausgleich hat. Heute arbeiten wir den ganzen Tag, kommen in leere Wohnungen nach Hause und verbringen den Großteil unserer Freizeit vor Bildschirmen.

Fazit

Arbeit war über Jahrhunderte eine Notwendigkeit – heute soll sie viel mehr sein: Sie muss nicht nur finanziellen Unterhalt sichern, sondern auch Sinn stiften, Selbstverwirklichung ermöglichen und soziale Verbindungen ersetzen. Dies liegt nicht nur an veränderten Erwartungen, sondern auch daran, dass viele stabilisierende Faktoren wie enge Gemeinschaften, traditionelle Familienstrukturen und religiöser Halt schwächer geworden sind. Während frühere Generationen nach Feierabend in bestehende soziale Netzwerke eingebettet waren, sind viele Menschen heute auf sich allein gestellt.

Arbeit ist daher nicht einfach nur eine Tätigkeit – sie ist oft der zentrale Fixpunkt des Lebens geworden, weil uns andere Pfeiler der Identität und Zugehörigkeit fehlen. Vielleicht liegt die Lösung nicht darin, zwanghaft nach der perfekten Arbeit zu suchen, sondern darin, die Abhängigkeit von ihr zu verringern und außerhalb der Arbeit neue Quellen für Sinn und Gemeinschaft zu schaffen.

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